Dass ich zum Perfektionismus neige, wusste ich schon immer. Aber, dass es so schlimm ist. Jedenfalls müsst ihr lange suchen, um eine so perfekte Perfektionistin wie mich zu finden.

Aha. Perfektionismus ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das in erster Linie durch sehr hohe Maßstäbe, einer Rigidität der Maßstäbe und einem leistungsabhängigen Selbstwert charakterisiert ist.

Wahrscheinlich neige ich von jeher zum Perfektionismus. Das zeigt sich darin, dass ich gewisse Vorstellungen von etwas habe und recht hohe Maßstäbe, um diese auch zu erfüllen. Klappt es nicht, ist mein Selbstwert angekratzt (weil der ja von meiner Leistung abhängig ist). Klappt es, hält das Hoch allerdings auch nicht sehr lange. Schließlich hätte ich es besser machen können, oder andere tun dies sowieso schon.

Wie absurd das Spiel mit dem Perfektionismus werden kann, zeigt folgendes Beispiel. Vor kurzem hatte ich mich entschlossen, wieder mit dem Stricken anfangen. Zum einen wollte ich mal wieder handarbeiten und außerdem gibt es da gerade jemanden, dem ich gern was Selbstgestricktes schenken würde. Selbstgestricktes hat ja immer so was wie einen Hauch von Liebe und Wärme und ist somit ein schönes Geschenk.

Also ran an die Nadel, das Projekt Männerschal ging an den Start. Schon die Suche nach einem geeigneten Muster gestaltete sich aufwendig. Also googelte und youTubte ich, was das Zeug hielt. Tagelang! Endlich wurde ich fündig. Natürlich fiel die Wahl auf was Kompliziertes. Zusätzlich brauchte ich dann noch fast eine Woche, bis ich mich endlich für eine Wollsorte und eine Farbe entschied.

Schließlich legte ich los. Nach 40 cm stellte ich fest, dass der Rand des Schals recht schlampig aussah. Was machte ich falsch? Nach erneutem Studium aller Randmaschen-Techniken der Welt, war ich frustriert. Warum klappt das bei allen Youtuberinnen perfekt, nur bei mir nicht? Obwohl ich übte und übte, keine der Techniken sah akzeptabel aus. Zähneknirschend entschied ich mich für die einfachste Version, nämlich die Randmaschen einfach rechts zu stricken.

Neuer Start, neues Glück. 64 Reihen komplizierter Zählmuster. Jede Reihe schrieb ich akribisch auf. Und zum Glück sah das Muster wirklich ultra aus. Jetzt der Wechsel zum zweiten Musterrapport. Nach 30 Zentimetern merkte ich, dass das Perlmuster breiter lief als das erste. Eh, das ging gar nicht. Was nun? Weiter im ersten Rapport stricken ging technisch nicht. Also zog ich frustriert das gesamte Werk wieder auf.

Nach erneuter –  und gefühlt endloser – Suche, fiel die Entscheidung, den Schal im doppelten Perlmuster zu stricken. Doch mit jeder Reihe stieg die Unsicherheit. War das Muster wirklich „männlich“ genug? Nach knapp einem halben Meter Strickerei entschied ich, das Perlmuster nicht ideal für Männer ist. Also, alles für die Katz.

Jedenfalls bis Youtube mir dann einen schönen Tages „Coras Fummeley“ empfahl. Jetzt stricke ich den Schal im „falschen“ Patentmuster. Bislang bin ich ganz zufrieden. Sieht gar nicht so übel aus. Aber ob ich ihn den Schal auch breit genug stricke? Könnte ich nicht auch noch ein bisschen gleichmäßiger stricken? An zwei Stellen habe ich mich uch bereits verstrickt. Man sieht es nur, wenn man sehr genau hinschaut. Aber trotzdem. Was ist überhaupt, wenn der zukünftig Beschenkte aus Wolle gestricktes gar nicht mag?

Ob ich diesen Schal je fertigbekomme, geschweige denn verschenken werde? Wann ist mir gut, gut genug?