Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden. Dass dem so ist, verdanken wir mutigen Frauen, die jahrzehntelang für die Gleichstellung der Frauen kämpften. Der Kampf ist aber noch lange nicht zu Ende.

Der 12. November 1918 ist die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts. Generationen von Frauen haben dafür gekämpft. Am 19. Januar 1919 war es dann soweit. Die erste Wahl fand statt, bei der Frauen wählen und gewählt werden durften. 82 % aller Frauen gingen damals wählen. 302 kandierten und 37 wurden ins Parlament gewählt.

Es dauerte dann jedoch noch rund 30 Jahre bis der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Jahr 1957 in unser Grundgesetz aufgenommen wurde. Da war ich gerade mal fünf Jahre alt. Dass dies durchgesetzt wurde, haben wir allein der Hartnäckigkeit der Juristin Dr. Elisabeth Selbert zu verdanken. Mit ihrem Kampf legte sie den Grundstein für eine politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Gleichberechtigung. Weiter ging es im schleppenden 20 Jahres-Rhythmus bis 1977 die „Hausfrauen-Ehe“ abgeschafft, 1997 Vergewaltigung strafbar und 2007 das Elternteilgesetz erlassen wurde.

Ein langer Weg

Meine Hochachtung gilt vor allem den Generationen von Frauen, die für unsere Rechte gekämpft haben: Den Frauen der französischen Revolution, die gegen die Ungerechtigkeit protestierten, dass 1798 nur männliche Bürger das Wahlrecht erhielten; den radikalen englischen Suffragetten, die uns den Weg zur Emanzipation ebneten. Sie gilt ebenso  vielen deutschen Frauen aus dem Bürgertum, Feministinnen und speziell auch Sozialdemokratinnen, die für unsere Rechte kämpften. Für die einen stand der Kampf um Bildung, freie Partnerwahl, gleiche Rechte in Ehe und Familie und politische Gleichberechtigung im Vordergrund. Die anderen, besonders die arbeitenden Frauen, begannen, die Klassengesellschaft als grundsätzliches Hindernis zur Befreiung der Frau zu betrachten und stellten frauenrechtlerische und sozialreformlerische Forderungen.

Es wurde ihnen von der Männerwelt alles andere als leicht gemacht. Teilweise waren sie großen Repressalien ausgesetzt, sogar, was das eigene Leben anging. Kaum ein Mann wollte seine männliche „Überlegenheit“ bzw. sein eheliches Bestimmungsrecht freiwillig aus der Hand geben. Aber auch, wenn wir Frauen heute ganz selbstverständlich an die Wahlurne gehen, zur völligen Gleichberechtigung scheint es noch ein langer Weg.

Beispiel Politik, die immer noch männlich dominiert ist. Im Deutschen Bundestag sind gerade mal 37 % der Abgeordneten weiblich. Unter den 16 Ministerpräsidenten der Länder gibt es nur eine einzige Frau: Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern. 92 % der deutschen Bürgermeister sind Männer. In einem Ranking über den Frauenanteil in Länderparlamenten weltweit lag Deutschland im Jahre 2018 auf Platz 45. Enttäuschende Zahlen. Auch in Kunst und Kultur herrscht eine stillschweigende Männerquote um 80 %, wie Studien zeigen. Und in deutschen Unternehmen sieht es in den Führungspositionen kaum anders aus.

Frauenfeindlich

Machen wir uns nichts vor. Wir Frauen leben immer noch in einer sexistischen Gesellschaft. Wir arbeiten viel, oft in für die Gesellschaft zentral wichtigen Berufen wie beispielsweise als Pflegerin oder Krankenschwester, sind jedoch oft extrem unterbezahlt. Wir „verdienen“ derzeit rund 21 % weniger als Männer. Dabei sind wir es  die unter dem ständigen Druck stehen, Erwerbstätigkeit bzw. Karriere mit Mutterschaft unter einen Hut bringen zu müssen. Heute geht es also um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Chancengleichheit im Beruf und gleiche Entlohnung. In diesen Punkten sind wir bisher nur wenig vorangekommen.

International betrachtet sieht die Situation noch dramatischer aus. In Afghanistan sind es in der Regel nur die Jungen, die eine Schulbildung erhalten. In Lateinamerika, Irland und Polen streiten Frauen für ihr Recht, über den eigenen Körper zu verfügen und Schwangerschaften abzubrechen. In zahlreichen afrikanischen und asiatischen Ländern haben Frauen kaum Rechte. Gewalt und Verstümmelungen sind dort weit verbreitet. In einigen indischen Provinzen ist es heute noch üblich, Mädchen gleich nach der Geburt zu töten. Auch in der Türkei herrschen trotz Wahlrecht noch teilweise Zustände wie unter Kaiser Wilhelm. Männer begleiten dort ihre Frauen in die Wahlkabine und setzen für sie ihren Stempel an der ihnen richtig erscheinende Stelle. Unvorstellbar, aber wahr. Schauspielerin Jasmin Tabatabai sagt dazu: „Das ist ein Kampf für unsere Töchter und auch für die Frauen in anderen Ländern, wo Frauen noch stärker in ihren Rechten beschnitten werden.“

Mut haben zur Mitsprache!

„Die mangelnde Beteiligung von Frauen ist nach wie vor Verfassungsbruch in Permanenz“, sagt Verfassungsrechtlerin Silke Laskowski. Nur wer gleich-berechtigt vertreten sei, könne auch gleichberechtigte Gesetze und Regelungen durchsetzen. Dem kann ich nur voll zustimmen. Was immer uns Frauen bisher veranlasste, in der Politik oder in „Machtpositionen“ nicht genauso wie Männer zu partizipieren, so sollten wir ab sofort daran arbeiten, stärker mitzubestimmen. Das vor allem gerade in Zeiten, wo viele Länder einen Rechtsruck verzeichnen und Frauenrechte wieder gefährdet sind! Jetzt ist es wichtig, selbstbewusster und emanzipierten denn je aufzutreten. Jetzt gilt es, uns einzubringen mit unseren ganz eigenen Erfahrungsmuster und Fähigkeiten. Also Frauen, rauf die Barrikaden. Traut Euch und nehmt mehr Einfluss!

von Hilde
Foto-© Flugblatt Frauenstimmrecht zum Frauentag 1914, Foto: AddF

Hinweis: Ausstellung 100 Jahre Frauenwahlrecht / Im Historischen Museum, Frankfurt am Main / Ausstellung 30.8.2018 — 20.1.2019