Ruth Bader-Ginsburg hatte etwas, um das ich sie glühend beneide: Rückgrat, Souveränität und Schlagfertigkeit. Jetzt ist sie gestorben. Eine Art Nachruf.

In meinem Alter hat man keine Vorbilder mehr, man weiß zu viel. Zu viel über sich selbst und zu viel über andere. Wenn aber eine Frau ein Vorbild sein kann, ist es Ruth Bader-Ginsburg. Ihre Fans nennen sie „notorious“ Ruth – auf Deutsch „berühmt-berüchtigt“. Sie war Richterin am Obersten Gerichtshof der USA und als solche eine Justiz-Ikone. Nun starb sie letzten Freitag mit 87 Jahren.

Köpfchen, Biss, Nonchalance

1993 wurde Ruth als zweite Frau an den Obersten Gerichtshof berufen unter der Präsidentschaft Clintons. Nach der Wahl Trumps – er nennt sie Zombie – entschied sie sich gegen den Ruhestand. Dazu muss man wissen, dass Trump ein Mitspracherecht hat, welcher Richter nachrückt. Dass der sich dann jemanden aussucht, der auf seiner Wellenlänge schwimmt, ist klar. Um das zu verhindern, blieb Ruth damals im Amt und machte ihm weiter das Leben schwer. So stimmte sie gegen die von Trump geplante Asylrechtsverschärfung- und zwar vom Krankenbett aus – und sicherte so eine Mehrheit. Jetzt nach ihrem Tod hat US-Präsident Trump die Möglichkeit, zum dritten Mal einen Richterplatz im Supreme Court zu besetzen.

Dass sie Trump und Konsorten eisern die Stirn bot, war gar nicht so selbstverständlich. Wenn man sie sah, traute man ihr das eigentlich nicht zu. Doch der Anblick dieser zierlichen, zerbrechlich wirkenden Frau täuschte. Ihr Verstand war glasklar, ja brillant. Sie brachte Argumente genau auf den Punkt, parierte Gegenargumente mit beneidenswerter Nonchalance und konterte selbst tückische, unter die Gürtellinie-gehende Angriffe souverän. Kein Wunder, daß diese schlagfertige Frau  zur Legende geworden ist und zu einer unverzichtbaren Inspiration

Dabei hatte man es ihr noch nie leicht gemacht. 1933 in Brooklyn in einer jüdischen Familie geboren, begann sie ihre ungewöhnliche Karriere als eine von nur neun Studentinnen an der Harvard Law School. Dort hielt sogar der Universitätspräsident nicht viel von Frauen und kritisierte, warum sie Männern die Studienplätze wegnähmen. Nach einem glänzenden Abschluss war Ruth erst einmal arbeitslos. Kanzleien wollte keine Anwältinnen einstellen. Ruth war aber keine Frau, die schnell aufgab. Sie übernahm als freie Rechtsanwältin kleinere Fälle, die kein anderer haben wollte. In den 1970er-Jahren erkämpfte sie gegen alle Widerstände bahnbrechende Gerichtsurteile zur Gleichstellung der Geschlechter, die sie zu einer Heldin der Frauenrechtsbewegung und weltbekannt machten. Dass Frauen dort heute von der dortigen Verfassung geschützt werden, dass sich überhaupt einiges am rechtlichen Status der Frau geändert hat, daran hatte Ruth Bader Ginsburg keinen geringen Anteil.

Heldin der Frauenrechtsbewegung

Nun starb Ruth letzten Freitag mit 87 Jahren. Nach dem Tod der legendären Verfassungsrichterin zeichnet sich ein erbitterter politischer Kampf um die Nachbesetzung eines Schlüsselpostens im US-Justizsystem ab. Von den derzeit neun Richtern, die oft mit knapper Mehrheit entlang ideologischer Linien entscheiden, werden derzeit nur noch drei klar dem liberalen Lager zugerechnet. Sollten die Republikaner von US-Präsident Donald Trump den freigewordenen Posten neu besetzen, könnte sich die konservative Mehrheit im Supreme Court zementieren – und das Land auf Jahrzehnte prägen.

Ruth wird aber nicht nur im Supreme Court fehlen. Den Titel „Heldin der Frauenrechtsbewegung“ trug sie verdient.  Und wir werden sie als Weggefährtin im Kampf um Gleichberechtigung, Toleranz und Menschlichkeit  vermissen. Liebe Ruth, ich bewundere Dich; dafür, wie du deinen männlichen Kollegen im Gericht, die Stirn gezeigt hast. Ich bewunderte deine unvergleichlich charmante, humorvolle und gleichzeitig klare Art, sie geduldig fortzubilden, aufzuwecken, in die Schranken zu weisen. Ich wollte, wir alle hätten von viel länger von Dir lernen können. Auf fröhliche Zeiten im Himmel!

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