Vor 50 Jahren fand das legendäre Woodstock-Festival statt auf dem die rebellische Jugend von einer anderen Welt träumte. Musikalisch öffneten sich neue Welten. Die Träume von Freiheit, Frieden und Liebe erfüllten sich jedoch nicht. Eine nostalgische Erinnerung.

Woodstock – das drang sogar bis in den kleinen, biederen Vorort Sossenheim nahe Frankfurt am main durch, in dem ich damals mit 17 wohnte. Die in der Umgebung stationierten US-Amerikaner hatten völlig neue muskalische Klänge, den rebellischen Spirit der US-amerikanischen Jugend und eine Menge Drogen mit rübergebracht. Das Wassermann-Zeitalter war angebrochen. Wir grölten „Freedom“ zu Richi Havens „Motherless Child“. Wir rockten zu Canned Heats „A Change is gonna come“, tanzten zu „Proud Mary“ von Creedence Clearwater, rauchten Dope zur postapokalyptischen Version der amerikanischen Nationalhymne von Jimi Hendrix, wünschten uns einen Mercedes Benz wie Janis Joplin und mit Jefferson Airplane „Somebody to love“.

Die Sehnsucht nach einer besseren Welt

Die politischen Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy hatten den letzten Glauben der amerikanischen Jugend an einen Wandel zum Besseren durch eine gewandelte Politik zerstört. Auch bei uns war die Zeit geprägt von einer Politisierung der Jungen und dem Aufbruch starrer Konventionen. Auf den Straßen wurden Miniröcke und Hosen mit Schlag getragen, Frauen wollten ohne Genehmigung ihrer Männer arbeiten, Homosexuelle kämpften für die Abschaffung des Paragraphen 175. Wir demonstrierten gegen Springer und protestierten gegen die Notstandsgesetze. Über den Häuptern meiner Clique lag zudem der Schatten des Vietnamkriegs. Täglich verabschiedeten wir befreundete, gerade mal 18jährige US-Soldaten, die zum gemeinsamen Sterben und Töten über deutsche Kasernen nach Vietnam verfrachtet wurden. Wir trugen die Haare lang, unsere Kleidung war lässig und bunt,  auch Fremde waren Schwestern und Brüder. Für uns zählte primär eins: das Stillen unserer Sehnsucht nach einer neuen, ungezwungenen Zukunft, nach authentischer Selbstverwirklichung und nach Frieden.

Der Hippie-Traum von einer anderen, besseren Welt endete rasch. Die ihn mitgeträumt haben, werden ihn wohl jedoch kaum vergessen. Und irgendwie schauen wir stets mit etwas Wehmut zurück: Auf eine magische Zeit, wo die Welt noch offen und jung erschien, wo noch alles möglich war. Nichts war perfekt, sondern spontan, ungezügelt und im Kerne gut.

The Spirit of Future

Das Scheitern eines geplanten Woodstock-Revivals zeigt: der Spirit einer längst vergangenen Zeit lässt sich nicht auf Knopfdruck in die Gegenwart transportieren. So als müsse man nur die Geister der Vergangenheit beschwören, um die Trumps, Putins und Erdogans dieser Welt von ihren Thronen zu schubsen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman behauptete einmal, dass wir in einer nostalgischen Gesellschaft lebten – und das läge an der Gegenwart. Denn der Gedanke an die Zukunft löse heute Angst aus. Wir hätten das Vertrauen an unsere kollektive Fähigkeit verloren, mögliche Exzesse zu verhindern und das Morgen weniger furchteinflößend zu machen. Der einzelne Mensch hätte, so Bauman, große Probleme, sich in einer sich rasant verändernden Welt zu verorten. Das lässt mich gerade an die Friday-for-Future-Bewegung denken. Ich hoffe, dass ihr ist ein nachhaltigeres Schicksal beschieden ist als Woodstock.

Wer die Doku über Woodstock nochmal sehen will, kann dies noch eine kurze Zeit in der ARD-Mediathek tun: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/woodstock-video-100.html

Und hier noch einige amüsante Fotos von Hilde mit 17